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    Gedanken zur Jahreslosung 2021

    Jesus Christus spricht: «Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!» (Lukas 6,36)

    So lautet die Jahreslosung, welche die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (bestehend aus 24 christlichen Dachverbänden) für das Jahr 2021 ausgewählt hat. Die Jahreslosung soll eine markante Wegweisung sein, um die Bibel zu lesen, sowie um Mut, Kraft und Inspiration für das alltägliche Leben zu finden. Im Zentrum der Jahreslosung 2021 steht der Begriff der Barmherzigkeit. «Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist» sagt Jesus in einer längeren und sehr gehaltvollen Rede, die der Evangelist Lukas im 6. Kapitel ab Vers 20 aufgeschrieben und überliefert hat.

    Für Jesus ist die Barmherzigkeit ein Wesenszug Gottes, den er kannte und auf den er vertraute. Die Barmherzigkeit Gottes liess Jesus in einer innigen Vertrautheit mit Gott leben. Ausdruck davon war, dass er diesen Gott voller Vertrauen mit Vater, ja «Abba», was in aramäischer Sprache soviel wie «Papi» oder «Daddy» heisst, anredete. Dass die Barmherzigkeit Gottes sowohl väterliche wie auch mütterliche Züge hat, verdeutlicht der hebräische Begriff «Rachamim», der im Urtext des Alten oder Ersten Testamentes zu finden ist. Dieses Wort bezeichnete ursprünglich die Gebärmutter als Sitz des liebevollen Empfindens und Erbarmens. Und sowohl für «lieben», «jemandem mit Liebe begegnen», «Erbarmen finden» wie auch für «Mutterleib» und «Mutterschoss» verwendet die hebräische Sprache Worte mit derselben Buchstabenverbindung.

    Das zeigt uns: Gottes Barmherzigkeit macht Gott zum wahren Vater und zur wahren Mutter. Es geht nicht um die Frage, ob Gott ein Geschlecht hat, sondern darum, wie wir Menschen in einem Vater oder in einer Mutter etwas von Gottes unbeschreiblicher Fürsorglichkeit und Liebe, Gunst und Güte erleben oder uns danach sehnen können. Als «Vater» und «Mutter» ist Gott die Quelle, aus der jede Barmherzigkeit, alles Mitleiden und Mitgefühl, alle Solidarität und jedes liebevolle Erbarmen entspringen.

    Wenn Jesus sagt: «Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!» fordert er uns auf, aus diesen Quellen zu schöpfen, so, wie er selber es tat, und lädt uns ein, in diesem innigen Gott-Vertrauen zu leben, wie er selber es pflegte.

    Bemerkenswert ist: Wir können den Anfang dieses Satzes von Jesus «Seid barmherzig …» auch mit «Werdet barmherzig …» übersetzen. Jesus also weiss, dass Gott wirklich barmherzig ist, wir aber «erst» auf dem Weg in eine grössere Barmherzigkeit und Liebe sind. Wir sind «am Werden». Dabei lässt uns nicht in erster Linie die eigene Anstrengung dem Ziel näherkommen, sondern vor allem Gottes Wirken, das wir an uns geschehen lassen dürfen.

    «Seid (resp. werdet) barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!», sagt Jesus und zeigt uns direkt anschliessend Schritte auf diesem Weg: Nicht zu richten und nicht zu verurteilen; loszulassen und zu geben: «Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfliessendes Mass wird man euch in den Schoss legen; denn nach dem Mass, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.» So heisst es in den Versen 37 und 38 aus dem 6. Kapitel des Lukas-Evangeliums (Einheitsübersetzung).

    Ich gebe zu: Das Wort «Barmherzigkeit» ist leider etwas aus der Mode gekommen. Auf jeden Fall scheint es nicht mehr so gut in die heutige Zeit zu passen, wo jede und jeder seines Glückes eigener Schmied sein und nicht auf die Hilfe anderer angewiesen sein will, wäre das doch als ein Zeichen der Schwäche zu deuten. «Barmherzigkeit» löst deshalb wohl nicht nur gute Gefühle aus, besonders wenn wir uns fragen: Ist mein Leben denn so erbärmlich? Geht es denn nicht anders, als dass ich auf Gottes Erbarmen angewiesen bin? Bin ich so erbarmungswürdig? Ich glaube, dieses letzte Wort, welches nicht nur von unserer Bedürftigkeit, sondern auch von unserer Würdigkeit spricht, lässt uns auf eine gute Art auf die Jahreslosung hören.

    König David, dem viele Psalmen in der Bibel zugeschrieben werden, kann uns diesbezüglich ein Vorbild sein. Von Herzen dankte er Gott und lobte ihn für sein Erbarmen: «Lobe den Herrn, meine Seele, … der dich krönt mit Gnade und Erbarmen», heisst es im Psalm 103. Offenbar war ihm diese Krone noch kostbarer als seine irdische Königskrone. Und ich glaube, auch uns steht die Krone der Gnade und Barmherzigkeit, die Gott uns aufs Haupt setzt, wirklich sehr gut. Weil wir Gottes Kinder sind, strahlt auch in unserem Leben Gottes Liebe auf.

    Ich jedenfalls möchte versuchen, in der Absicht der Jahreslosung die Bibel zu lesen und meinen Alltag zu gestalten. Und ich möchte uns ermutigen, so wie Gott mit uns umgeht, auch mit uns selber und miteinander umzugehen.

    Dass Gott uns dabei beisteht und segnet, hat der Liederdichter Paul Gerhardt im bekannten Morgenlied «Die güldne Sonne» bereits 1666 aufgeschrieben: «Abend und Morgen sind seine Sorgen; segnen und mehren, Unglück verwehren sind seine Werke und Taten allein. Wenn wir uns legen, so ist er zugegen; wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein.»

    Hanspeter Meier