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    Persönliche Berichte

    Kirche zu Zeiten des Coronavirus

    «Jetzt muss ein Ruck durch unser Land gehen!» Mit diesen Worten kommentierte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga Mitte März die Ausrufung der «ausserordentlichen Lage». Wohl kaum jemand konnte sich damals vorstellen, wie dieser «Ruck» die Gesellschaft verändern würde. Die Kirche, für die die Gemeinschaft der Gläubigen zentral ist, wurde dadurch ins Herz getroffen: Gemeinde ist plötzlich nicht mehr in der gewohnten Form möglich, im Abendmahl Brot und Wein zu teilen gar ein potenzielles Gesundheitsrisiko. Wie also kann Kirche in diesen Zeiten gelebt werden? Welcher «Ruck» soll diese Kirche erfassen? Kürzlich habe ich am Bildschirm einen Gottesdienst aus Deutschland verfolgt. Der Pfarrer stellte eine provokative Frage. Zugespitzt lautet sie: Ist diese «Seuche» eine Strafe Gottes? Ich musste erstmal leer schlucken. Sollte Kirche nicht gerade jetzt Trost spenden, statt unbequeme Fragen zu stellen? Mit etwas Abstand sehe ich es anders: Gerade jetzt erwarte ich von der Kirche, dass sie mich mit essenziellen Fragen konfrontiert. Wann, wenn nicht jetzt, haben wir Zeit, Musse und die Dringlichkeit, uns damit auseinanderzusetzen? Wann, wenn nicht jetzt, ist der Zeitpunkt, dass wir uns aus unserer spirituellen Lethargie wachrütteln lassen? Das ist der substanzielle Ruck, dessen Auswirkungen hoffentlich über die Krise hinaus Bestand haben werden. (Astrid Tomczak)

    Social Distancing – zwei Meter Abstand – Husten in die Ellenbeuge – maskentragende Menschen weichen aus auf Strasse – Nachbarin kauft ein für uns in der Risikogruppe – ein Nachbar schwer erkrankt im Spital, Familienvater von vier Kindern – Schulwege leer, keine Kinder mehr, kein Lachen und Schwatzen mehr – Telefon aus Elsass, Frankreich: ein Mitglied der Wandergruppe am Coronavirus verstorben, Nachbar erkrankt, Ausgangsbestimmungen viel rigoroser als in der Schweiz … «Als die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!» (Joh 20,19) … Für dich gibt es kein Social Distancing, keine zwei Meter Abstand, kein Maskentragen, du weichst uns nicht aus, du kommst vielmehr nahe an uns heran. Du gibst uns Ruhe, Frieden, Gelassenheit in aller Unruhe, in allen offenen Fragen, in aller Ungewissheit. Im Leben und im Sterben bist du da, du unser Friede. (Andreas Rutishauser)

    Wegen des Coronavirus sollen alle über 65 Jahre zu Hause bleiben. Da gehöre ich mit gegen 80 Jahren wirklich zum alten Eisen. Einkaufen ist nicht empfohlen, die Leute in den Altersheimen dürfen nicht mehr besucht werden, aber zu fünft darf man sich immerhin mit zwei Meter Abstand treffen. Für mich ist das Schlimmste, meine Grosskinder nicht mehr sehen zu dürfen. Auch alle anderen sozialen Kontakte und die Kultur fehlen mir enorm. Ich bemühe mich, die gleiche Tagesstruktur wie bisher beizubehalten. Mein Telefonapparat läuft aber heiss, die WhatsApps vermehren sich täglich und die Solidarität untereinander ist gross! Fast jeden Tag ging ich allein spazieren, dabei fehlten mir jedoch die Gespräche. Was tun? Ich suchte die Teilnehmerliste der letzten 60plus-Ferien von 2019 in Ponte Tresa. Wer wohnt in meiner Nähe? Dank des guten alten Telefons funktionierte das wunderbar. Seither geht es gemeinsam mit 1–2 Personen durch die blühende Natur. Ein Geheimtipp: Am Fischrain trifft man am meisten von «unserer Sorte». (Ursula Bigler-Laville)

    Es kam mir vor, als hätte man mir etwas weggeschnitten! Etwas Wichtiges in meinem Wochenablauf: den Gottesdienst am Sonntag mit Musik, Singen, Gemeinsamkeit und Austausch beim Kaffee! Oder die Ruhe in der Casappella, die mir so viel bedeutet. Ich war sehr traurig, weil ich dachte, dass alle kirchlichen Aktivitäten nun unmöglich würden. Dann aber merkte ich, dass unsere Kirche viel Kreativität entwickelt hat, um uns in verschiedenen Formen ein kirchliches Leben zu ermöglichen. Danke dafür! Welch ein Segen, dass heutzutage die Predigttexte, Musik, Angebote für Jung und Alt online gehört werden können. Ich stelle mir vor, wie schlimm es bei den Seuchen in früheren Jahrhunderten gewesen sein muss, wo es sowieso an allem fehlte, nebst der Nahrung für Körper und Seele. Mir selber fehlt unter anderem das Abendmahl sehr! Wir können in dieser Zeit Brot und Wein nur in Gedanken und Gebeten teilen! Jedes Mal, wenn ich zu Hause die Osterkerze anzünde, denke ich an die furchtbaren Leiden, die Jesus für uns auf sich genommen hat. Das ist so viel mehr als alles Schwierige, das wir durch Corona oder andere Dinge erleben. Manchmal setze ich mich zum Gebet in eine leere Kirche und die Stille schenkt mir Frieden. Zu wissen, dass Gott immer bei mir ist, lässt mich getröstet in meine Corona-Einsamkeit zurückgehen. «Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz.» (Psalm 62) (Liz Gerber)

    Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich mich mit dem Sonntagmorgen-Gottesdienst schwertue. Der Beginn um 9.30 ist für mich an meinem teilweise einzigen freien Tag ein Unding, die Gesangbuchlieder sind mir als Rockmusiker häufig fremd und für die teils hochstehenden Predigten bin ich frühmorgens einfach nicht immer empfänglich. Insofern war ich am Anfang der Corona-Zeit durch das Ausfallen der Gottesdienste nicht zu Tode betrübt. Wenn mir die Musik fehlte, habe ich mit meiner Frau selbst welche gemacht. War mir nach geistlicher Nahrung, haben mich YouTube oder Texte mit dem Nötigsten versorgt. Zusätzlich kam es mir nach der Geburt unseres dritten Kindes gelegen, dass mein Berufs- und Kirchenleben etwas entschleunigt wurde. Doch was mir mit der Zeit sehr stark zusetzte, war das Erliegen jeglicher Beziehungspflege. Vor Corona habe ich oft zu meiner Frau gesagt: «Geh du schon mal vor, ich komme dann auf den Kirchenkaffee.» Ich erntete jeweils böse Blicke und bin dann brav Richtung Kirche gezottelt. Dieses Socialising fehlt mir nun. Die kurzen bilateralen Abklärungen mit Ruth, Christoph oder Yvonne, das musikalische Fachsimpeln mit Andy und Dominik, das Lachen mit Isa und Laurence, all diese Begegnungen, die für mich so stark unsere Kirche ausmachten, all dies war auf einen Schlag weg. Diese Gemeinschaft, da wo zwei oder drei in Seinem Namen zusammenkommen, danach sehne ich mich und darauf freue ich mich nach dieser Zeit der Dürre wieder. (Claudio Gagliardi)

    Ein herzliches Dankeschön dem Pfarrteam Ittigen und allen Beteiligten für die freundliche Zustellung der wertvollen und ermutigenden Predigtunterlagen, welche uns jedes Mal grosse Freude bereiten. Sie sind für unser Herz eine geistliche Vollwertnahrung aus der wir Hoffnung, Trost und Kraft schöpfen können, ja, in unserem Glauben neu gestärkt werden. (Edith und Fritz Zaugg)